Sikhi mit Sarabjot

Im Gespräch mit Sarabjot Singh, dem neutralsten Menschen, den ich kenne

10. September 2026
Sarabjot-singh-khalsa

ੴ

Heute sprechen wir über einen Menschen, mit dem ich seit fast drei Jahren jeden Tag verbringe, mit dem ich verheiratet bin und bei dem ich mich immer wieder frage, ob er echt ist. Sarabjot Singh Khalsa. Er ist Punjabi, also Inder, in Amritsar geboren und aufgewachsen, obwohl ihn jeder für einen Ausländer hält. Oft wird er gefragt, ob er aus Kanada kommt. Das dachte ich übrigens auch, als ich ihn kennenlernte. Liegt wohl daran, dass er sehr hell ist.

Er hat noch nie Alkohol getrunken und nie geraucht. Andere Substanzen kennt er nur vom Hörensagen. Er war noch nie auf einer Party, geschweige denn, dass er mal tanzen war. Er kennt weder Madonna noch Michael Jackson, und nun ja, auch nicht die Beatles. Er hat keine E-Mail Adresse, und einen Computer bedient er so, wie ich ein Ruderboot bedienen würde, mit viel gutem Willen und wenig Ergebnis. Aber wenn ich ihn nach Gott frage, dann spult er gefühlt alle Schriften rückwärts ab.

Wünsche hat er keine. Ich habe das lange nicht geglaubt und immer wieder nachgefragt, an guten Tagen, an schlechten, nach dem Essen, vor dem Schlafen. Die Antwort war immer dieselbe. Er besitzt quasi gar nichts (ich habe einen ganzen Schrank, er eine kleine Schublade) und möchte das auch nicht ändern. Schlecht redet über ihn eigentlich niemand, alle lieben ihn. Aber wenn ihm doch mal jemand quer kommt, hört er zu, bis derjenige fertig ist, sagt meistens nichts und grüßt ihn am nächsten Tag wie immer. Und wenn er selbst einen Fehler macht, sagt er, das mache ich nicht noch mal, und dann macht er es nicht noch mal. Kein Drama, keine Woche Schuldgefühl. Er ändert sich sofort, so als würde er einen Schalter umlegen. Ich brauche für dasselbe ein paar Anläufe.

Er ist Nihang Singh, und das ist ein bisschen so, als wäre ich mit meinem ganz hauseigenen Guru verheiratet. Gut, wir sind natürlich auch Menschen und keine Heiligen. Wir sind lustig, wir machen Quatsch, wir lachen viel und laut, das wollen wir nicht verheimlichen. Ich habe ihm ein paar Fragen gestellt. Er hat sie auf Punjabi und Englisch beantwortet, ich habe sie so gut es geht übersetzt und nichts glattgebügelt.


Wenn jemand schlecht über dich redet, bleibst du immer neutral. Was passiert innen?

Es passiert etwas. Ich bin ein Mensch, kein Stein. Aber ich nehme es nicht ernst, und das ist keine Technik, die ich mir beigebracht habe. Das kommt aus Sikhi. Sikhi sagt, bleib in Chardi Kala. Chardi Kala ist ein Zustand, in dem du dir um nichts Sorgen machst, weil alles gleich ist. Kein Kummer, der dich runterzieht, keine Freude, die dich hochwirft. Wer dort steht, den kann keiner treffen, weil es nichts gibt, wo der Schlag landen könnte.

Ich will nicht so tun, als wäre das leicht. Wir tragen fünf Diebe in uns, und die schlafen nie. Kaam, das Begehren. Krodh, die Wut. Lobh, die Gier. Moh, das Anhaften. Hankar, das Ego. Wenn jemand schlecht über dich redet, klopft er genau an eine Tür, an die des Ego. Das ist der ganze Trick. Der Schmerz sitzt nicht in dem, was der andere gesagt hat. Er sitzt in meinem Hankar. Und wenn ich weiß, welcher Dieb da gerade die Hand ausstreckt, dann kann ich die Hand sehen, und schon nimmt sie mir nichts mehr.

Sikhi sagt nicht, wirf die fünf Diebe weg, das geht sowieso nicht. Sikhi sagt, lerne, sie zu gebrauchen. Alles darf da sein, in der richtigen Weise. Wer das gelernt hat, hat kein Ego mehr, das getroffen werden kann, und keine Wut, die zurückschlägt. Dann bleibt der Effekt, aber das Bedürfnis, etwas zu erwidern, ist weg. Wer jeden Morgen nach innen geht, der steht stabil. Das hat mit Stärke wenig zu tun. Er ist verbunden, das reicht.

Wie machst du das? Und gib bitte jemandem einen Tipp, den er sofort anwenden kann.

Ich gehe nach innen. Naam Simran ist unsere Praxis, die Verbindung zur eigenen Seele, und daraus kommt ein Frieden, den man nicht kaufen kann. Wenn du den hast, veränderst du dich von selbst. Du musst nichts erzwingen und niemandem etwas beweisen. Aber der erste Schritt ist hart, und um den kommt niemand herum. Früh aufstehen. Vor dem Handy, vor dem Lärm, vor allen anderen im Haus, vor dem ersten Gedanken. Die Praxis machen, wenn alles noch halbwegs ruhig ist. Diese Stunde trägt dich dann durch alles, was der Tag noch bringt.

Und hier ist das, was jeder morgen früh ausprobieren kann, ohne Vorwissen, ohne Turban. Wenn jemand schlecht über dich redet, gib keine Antwort. Nicht gleich. Fang stattdessen in genau dem Moment an, innerlich ein Wort zu wiederholen. Waheguru, Waheguru, Waheguru. Nur das. Das Wort macht dich demütig, und aus dieser Demut heraus kommst du in einen Zustand, in den dich keine Antwort der Welt bringen könnte. In Sikhi ist das Ziel Anand, Zufriedenheit, die nicht davon abhängt, ob der andere recht hat. Wer so rezitiert, wenn er getroffen wird, der bekommt etwas geschenkt. Er versteht plötzlich, was der andere gerade tut. Und wer das versteht, nimmt es nicht mehr persönlich.

Was ist Sikhi für dich?

Sikhi ist der Weg zu Gott. Jede Religion hat einen Weg zu Gott, das will ich nicht kleinreden. Für mich ist Sikhi der Weg, auf dem ich sehr leicht zu Gott komme und auf dem ich aus dem Kreislauf von Geburt und Tod herausfinde. Das ist kein kleines Ziel. Es ist das einzige.

Sikhi lehrt Demut. Sikhi lehrt, früh aufzustehen. Sikhi lehrt Selbstbewusstsein, und zwar das echte, das nicht davon abhängt, was andere über dich denken. Wer weiß, wer in ihm wohnt, muss sich vor niemandem klein machen und vor niemandem groß. Und Sikhi lehrt einen Weg, auf dem du sehr friedlich leben kannst.

Alle Menschen auf diesem Planeten suchen heute Zufriedenheit. Alle wollen in Frieden leben. Aber sie glauben, dass der Frieden im nächsten Kauf steckt, im nächsten Urlaub, im nächsten Auto, im nächsten Menschen, und das ist nicht möglich. Weltliche Dinge geben dir Glück. Zufriedenheit geben sie dir nicht. Das ist der Unterschied, und Sikhi zeigt ihn dir jeden Morgen aufs Neue. Die Verbindung nach innen gibt dir den wahren Weg und das wahre Glück, und beides bleibt, wenn alles andere längst weg ist.

Guru Nanak ist vor über fünfhundert Jahren losgezogen und hat jahrelang einfach nur geredet und gesungen. Was hat er gesagt, das heute noch bewegt?

Guru Nanak Dev Ji ist in alle vier Richtungen gegangen, zu Fuß, jahrelang, und hat Parchaar gemacht. Er hat die Botschaft verbreitet. Und die Menschen damals steckten fest in Karamkand, in Ritualen, in Handlungen, die ihnen niemand mehr erklären konnte. Man tat sie, weil man sie immer getan hatte. Guru Nanak hat ihnen gesagt, macht eine direkte Verbindung zu Gott. Ohne Umweg. Ohne Vermittler.

Und er hat gesagt, wie. Mit Worten. Wenn wir einen Menschen kennenlernen wollen, tun wir es mit Worten, über Worte können wir uns kennen. Also hat Guru Nanak uns besondere Worte gegeben, unser Morgengebet Japji zum Beispiel, das eine Verbindung zu Gott herstellt. Das ist der Kern. Und er hat noch etwas gesagt, das jeden zur Praxis inspirieren sollte. Dieses Leben hast du nur mit großer Mühe bekommen. Dieser menschliche Körper ist nicht selbstverständlich, er ist eine Gelegenheit, und sie ist begrenzt. Also verbinde dich mit dem, was in dir wohnt, damit dieses Kommen auf die Welt nicht vergeudet ist und du Anand erreichst. Lebe in der Gegenwart, hat er gesagt. Das war vor fünfhundert Jahren, und die Menschen stecken heute in denselben Ritualen wie damals, nur dass die Rituale jetzt auf dem Handy stattfinden.

Was ist Waheguru? Ein Name, ein Gott, ein Klang? Und warum sagst du es auch beim Teetrinken?

Waheguru ist das Simran Gottes, die Erinnerung an Gott in einem einzigen Wort. Wenn wir es wiederholen, wieder und wieder und wieder, kommen wir jedes Mal ein Stück höher. Unsere Avastha, unser innerer Zustand, steigt. Wir bekommen Gyan, Wissen, und zwar nicht das aus Büchern.

Und dann passiert etwas, das man nicht planen kann. Aus der Wiederholung kommt innerer Frieden. Aus dem Frieden kommt Disziplin. Aus der Disziplin kommt Vertrauen in dich selbst. Alles, was die Menschen mit Büchern und Kursen zu erreichen versuchen, bekommst du durch diese eine Verbindung nach innen. Deshalb sage ich es beim Teetrinken, beim Gehen, beim Warten an der Ampel, beim Einschlafen. Wir sollen es das ganze Leben lang wiederholen, nicht nur morgens auf dem Kissen. Der Tee ist keine Unterbrechung der Praxis. Der Tee ist Praxis.

Naam Simran. Was passiert wirklich, wenn man einen Namen stundenlang wiederholt?

Wenn jemand anfängt, Naam Simran zu machen, fangen in seinem Leben Veränderungen an. Das ist nicht mein Glaube, das ist meine Beobachtung, ich habe es bei vielen Menschen gesehen. Sie werden ruhiger, ohne dass sie es wollen. Sie bekommen Anand. Und sie finden den Zweck, für den sie in diesen Körper gekommen sind.

Simran verbessert dich. Es stellt eine Verbindung her zwischen dir und Gott und gibt dir inneren Frieden, inneres Licht. Mit jeder Wiederholung kommst du in dir selbst höher. Das heißt, du bist nicht mehr an die weltlichen Dinge gebunden. Du siehst sie, du benutzt sie, aber sie halten dich nicht mehr fest. Das ist die beste Chance für Mukti, für Befreiung. Und irgendwann weißt du, warum du auf diesen Planeten gekommen bist. Die meisten Menschen leben ihr ganzes Leben, ohne diese Frage ein einziges Mal zu beantworten. Wer Simran macht, bekommt die Antwort nach und nach, ohne dass er danach sucht.

Ardas. Was bittest du, wenn du die Hände faltest, und bittest du überhaupt um etwas?

Ardas heißt Gebet, und das Gebet ist ein sehr großes Werkzeug, um eine Verbindung zu Gott herzustellen. Aber schau dir an, was die meisten damit machen. Sie gehen zum Beten und legen Gott eine Liste vor. Geld, Haus, Gesundheit, der Sohn soll die Prüfung bestehen. Das ist nicht Ardas. Das ist Einkaufen.

Für mich bedeutet Ardas nicht bitten. Ardas bedeutet Shukrana, Dankbarkeit. Zu Gott sagen, danke für das, was du gegeben hast. Was auch immer Waheguru uns gegeben hat, dafür danken. Jeden Tag. Es ist ein sehr einfacher Weg, Waheguru Danke zu sagen, und wir sollen immer dankbar sein. Wer so betet, dem fehlt nichts. Wer um Dinge bittet, dem fehlt jeden Tag etwas Neues.

Die fünf Diebe. Welcher hat dich am längsten ausgeraubt?

Alle fünf sind sehr stark, und ich werde keinen herausgreifen. Das würde so klingen, als wären die anderen vier harmlos, und das sind sie nicht. Sie sind noch da, sie kommen jeden Tag, sie klopfen. Aber wenn du mit deiner Seele verbunden bist, finden sie keinen Eingang mehr.

Guru Sahib sagt, du sollst alle fünf benutzen, in der richtigen Weise. Das ist der Unterschied zu vielen anderen Wegen. Du lenkst sie, statt sie zu unterdrücken. Begehren wird zu Liebe für Gott. Wut wird zu Kraft gegen Ungerechtigkeit. Gier wird zu Hunger nach Gott. Anhaften wird zu Anhaften an Waheguru. Und das Ego wird zu Stolz, ein Sikh zu sein. Es ist sehr schwer, diesen Weg zu gehen. Aber wer die fünf besiegt, kann die Welt besiegen. Ich meine das genau so, wie ich es sage.

Warum interessiert dich das Weltliche so wenig?

Wenn du dich nach innen verbindest, mit deiner Seele, verliert sich die Liebe zu den weltlichen Dingen von selbst. Du musst dich nicht anstrengen, sie loszulassen. Sie fallen einfach ab, wie ein Blatt im Herbst. Warum kaufen wir Kleidung und andere Dinge? Für Glück. Und wenn das Glück anfängt, von innen zu kommen, dann hat dein Herz keine Lust mehr auf all die weltlichen Sachen. Es ist satt.

Alle suchen ihr Glück in Shopping, in Kleidung, in einem Haus, einem Auto, in Luxus. Aber das wahre Glück kommt nur aus der Verbindung mit Gott. Als ich diesen Wert kannte, bekam ich so viel Zufriedenheit, so viel Glück, dass die weltlichen Dinge dagegen klein wurden. Weltliche Dinge werden nach einer Weile alt. Sie werden langweilig. Das neue Handy ist in einem Jahr das alte Handy. Die Verbindung nach innen ist immer neu. Sie macht glücklich, und sie macht frei. Deshalb habe ich so wenig Interesse an dem anderen. Ich verachte es nicht. Es ist einfach nicht mehr interessant.

Du bist Nihang Singh. Was ist das?

Nihangs sind eine Armee, die der zehnte Guru gegründet hat, Sri Guru Gobind Singh Ji. Man nennt sie Guru Di Ladli Fauj, die geliebte Armee des Guru. Das Wort Nihang kommt aus dem Persischen und heißt dort Krokodil, und so verstehen wir es auch. Einer, der keine Angst hat und an nichts hängt. Kein Anhaften an Besitz, kein Anhaften am eigenen Leben.

Wir leben strikt nach der Rehat Maryada, dem Verhaltenskodex der getauften Sikhs, sozusagen als orthodoxe Sikhs. So wie du auch, du bist meine Frau. Früh aufstehen, Nitnem, die fünf Ks, kein Alkohol, kein Fleisch, der Kirpan immer am Körper. Das ist kein Sonderweg der Nihang, das ist Sikhi, nur ohne Abkürzungen und ein bisschen strenger.

Ein Nihang ist keine Kostümfigur und keine Show. Er ist ein Sikh, der den Auftrag des zehnten Gurus wörtlich nimmt. Bereit sein. Für sich und für jeden, der Hilfe braucht. In der Geschichte haben die Nihang den Harmandir Sahib verteidigt, als sonst niemand mehr da war. Das ist der Grund, warum es uns gibt. Das Blau und die Waffen sind Zeichen dieser Bereitschaft, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Kirpan. Ein Schwert im Alltag. Erklär das jemandem, der bei Messern an Kriminalität denkt.

Das Wort Kirpan kommt von Kirpa, Gnade. Das ist keine Waffe des Angriffs, es ist ein Werkzeug der Gnade. Wir benutzen ihn zum eigenen Schutz und um anderen zu helfen. Wer den Kirpan trägt, hat sich verpflichtet, nicht wegzuschauen, wenn jemandem Unrecht geschieht.

Miri Piri, das Weltliche und das Geistige, beides zusammen. Was bedeutet das?

Miri Piri bedeutet Heiliger und Soldat. In Sikhi gehören die beiden zusammen, sie hängen voneinander ab wie zwei Beine. Guru Sahib hat gesagt, wenn du beides hast, kannst du sehr gut in dieser Welt leben. Wenn du nur Heiliger bist, wie willst du dich schützen? Wie willst du die schützen, die neben dir stehen? Und wenn du nur Soldat bist und kein Heiliger, dann hast du keine Güte, dann bist du gefährlich. Also braucht es beides, in dir drin, und wer beides hat, kann seine Kraft auf sehr gute Weise einsetzen. Wer nur eine Seite hat, kann in seinem Leben nicht glücklich sein. Er hinkt.

Das kommt von Guru Hargobind Sahib Ji, dem sechsten Guru. Er hat zwei Schwerter angelegt, Miri und Piri, und er hat den Akal Takht gebaut, direkt gegenüber vom Harmandir Sahib. Auf der einen Seite das Geistige, auf der anderen das Weltliche, das Politische, die Entscheidungen. Und beide schauen sich an, jeden Tag, seit vierhundert Jahren. Man kann in Amritsar mit eigenen Augen sehen, wie schön das zusammen funktioniert.

Fleisch. Die einen sagen, ein Sikh isst keins, die anderen essen es. Was sagst du dazu?

Ich habe nie Fleisch gegessen und nie Alkohol getrunken, weil es nicht gut für den Körper ist. Guru Nanak hat gesagt, iss immer sehr gutes, sehr leichtes Essen, das keine Wirkung auf dein spirituelles Leben hat. Denn was du isst, wirkt auf deinen Körper und auf deinen Geist, beides. Das merkt jeder, der es einmal ehrlich beobachtet. Das ist mein Glaube. Wenn du einfach isst, fühlst du dich gesund, und es hält dich fit. Mehr Regeln brauche ich nicht.

Warum möchte heute kaum noch jemand Sikh werden?

Die Jungen in Punjab schneiden sich die Haare, weil ihnen niemand gesagt hat, was sie da abschneiden. In Sikhi sind die Kes der wichtigste Teil unseres Körpers. Aber die Eltern sind völlig damit beschäftigt, Geld zu verdienen, und schaffen es nicht, ihren Kindern Sikhi beizubringen. Also übernehmen das Internet und das Fernsehen die Erziehung. Die Kinder sehen den Westen, und sie wollen leben wie dort. Modern und mit Luxus. Sie wollen das Leben genießen, sie trinken, sie nehmen Drogen. Ehrlich gesagt, wir können heute sagen, dass wir es nicht geschafft haben, der nächsten Generation die Bedeutung von Sikhi zu vermitteln. Deshalb entfernen sie sich von Sikhi. Das ist nicht ihre Schuld. Es ist unsere.

Du reist gern, aber woanders leben willst du nicht. Warum?

Ich liebe Punjab. Meine Frau liebt Punjab. Wir wollen hier die Gurdwaras erkunden, das Dorfleben, wir wollen einfach leben. Wir sind beide Sikhs, und die Wurzeln von Sikhi liegen hier, in diesem Boden. Wir wollen das Echte spüren, nicht die Kopie. Den Frieden, den ich hier bekomme, gibt es nirgendwo sonst. Und es geht um mehr als Frieden. Wenn wir nicht mit unseren Wurzeln verbunden sind, vergessen wir eines Tages, langsam, langsam, unsere Religion. Wir entfernen uns von ihr, ohne es zu merken, ein Jahr, noch ein Jahr, und irgendwann ist sie nur noch eine Erinnerung an die Großeltern. Deshalb will ich in meinem Punjab bleiben. Reisen ja, gern. Aber die Wurzeln bleiben im Boden.

Beziehungen sind in Sikhi etwas ganz anderes als im Westen. Erzähl davon.

In Sikhi sind Beziehungen sehr anders. Das Wichtigste ist, dass alle gleich sind. Jeder bekommt Respekt. Das gilt in der Ehe genauso wie in der Familie. Und dann ist da das Gelübde. Wenn wir heiraten, gehen wir vier Mal um den Guru Granth Sahib, die vier Lavan, und mit jeder Runde geben wir ein Versprechen, vor dem Guru, vor der Sangat, vor uns selbst. Danach lassen wir uns auf einen Menschen ein. Wirklich ein. Wir schauen nicht mehr nach links und nach rechts. Die Frage, ob es jemand Besseren gibt, stellt sich nicht mehr, sie ist mit dem Gelübde verschwunden. Das ist keine Einschränkung. Das ist die Freiheit, endlich aufzuhören zu suchen.

Und die Ehe hat ein Ziel, das über die beiden Menschen hinausgeht. Wir bringen einander nach Hause, zu Waheguru. Meine Frau hilft mir auf dem Weg, ich helfe ihr, und wenn einer von uns müde wird, trägt der andere ein Stück. Zwei Körper, eine Seele, so sagt es Guru Amar Das Ji. Im Westen habe ich den Eindruck, dass Beziehungen oft auf Gefühlen stehen, und Gefühle kommen und gehen wie das Wetter. Bei uns steht die Beziehung auf Respekt, auf dem Gelübde und auf Gott. Das Gefühl kommt dann von selbst, und es bleibt, weil es auf etwas steht, das nicht wackelt.

Wenn morgen alles weg wäre, was bleibt?

Wenn ich immer mit Gott verbunden bin, nach innen, zur Seele, habe ich keine Sorge. Etwas kommt, etwas geht. Das heißt Glück und Kummer, beides kommt, beides geht, wie Gäste. Wenn du mit der Welt verbunden bist, bist du an die weltlichen Dinge gebunden, und dann tut jeder Verlust weh. Wenn du mit Gott verbunden bist, hast du keine Sorge, ob du etwas verlierst oder etwas bekommst.

Denn ohne diese Verbindung ist nichts dauerhaft. Wenn du ehrlich hinschaust, hat ein Mensch außer seiner Seele gar nichts. Das Haus nicht, das Geld nicht, den Körper nicht, nicht einmal den eigenen Namen. Aber wer nach innen verbunden bleibt, den trifft kein Schmerz, auch wenn er alles verliert. Das macht frei. Und wer diese Verbindung nicht hat, der hat am Ende nichts, egal wie viel er besitzt.

Sarabjot macht Kirtan und Musik, die es nirgendwo zum Streamen gibt, kein Spotify, kein Algorithmus. Wenn du hören willst, wie er klingt, findest du seine Aufnahmen hier, sarabjotsingh.bandcamp.com.

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

Ich freue mich über deine Gedanken dazu.

CHARDI KALA STUDIO

Wenn du nicht nur lesen, sondern mit mir üben willst, komm ins Chardi Kala Studio. Kundalini Yoga und Meditation, live und online.

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    YOGA, SIKHI UND DAS LEBEN · AUS AMRITSAR, INDIEN

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