Morning Bliss

Du kommst nach Hause und bist total erschöpft, obwohl du nichts getan hast. Du warst nur unter Menschen. Hast zugehört, hin und wieder was gesagt. Und trotzdem fühlst du dich, als hättest du einen Umzug gestemmt. Allein, in den dritten Stock. Im Kundalini Yoga gibt es dafür eine Erklärung, und die ist präziser als alles, was ich je in meinem Psychologie-Studium gelernt habe.

Der Heiligenschein ist keine Erfindung

Jeder Mensch hat eine Bogenlinie. Das ist der Heiligenschein von den alten Gemälden, hast du sicherlich schon mal gesehen, ein Energiebogen von Ohrläppchen zu Ohrläppchen über die Stirn. Die Maler haben etwas gemalt, das sie gesehen haben. Diese Bogenlinie ist der Kern deiner Aura. Über sie empfängst du, über sie strahlst du aus. Dort berühren sich Gebet und Wirklichkeit. Die Frau hat eine zweite.

Sie verläuft quer über die Brust, von Brustwarze zu Brustwarze, direkt über dem Herzen. Der Mann hat eine, die Frau hat zwei. Sie empfängt auf einem Kanal, den der Mann schlicht nicht besitzt. Falls du dich also schon mal gefragt hast, warum du im Café die Anspannung am Nachbartisch spürst, bevor da überhaupt jemand den Mund aufgemacht hat. Du bist nicht zu empfindlich. Du hast Empfangsgeräte, von denen dir nie jemand erzählt hat.

Wozu das Ganze? Diese zweite Bogenlinie schafft den geschützten Raum, in dem ein Kind genährt werden kann. Wenn eine Mutter ihr Baby an der Brust hält, liegt das Kind mitten in diesem Bogen. Nicht am Herzen. Im Herzfeld. Die Bindung, die dort entsteht, braucht keine Sprache.

Was die Bogenlinie alles aufzeichnet

Aber ein Empfangsgerät lässt sich nicht auf halbe Kraft stellen. Dieselbe Bogenlinie, die ein Kind hält, zeichnet auch auf. Im Kundalini Yoga sagt man, dass jede tiefe Verschmelzung mit einem anderen Menschen dort einen Abdruck hinterlässt. Jede. Der Mann von vor fünfzehn Jahren, den du längst abgehakt hast. Abgehakt vielleicht. Gelöscht nicht. Der sitzt noch da, quer über deiner Brust, wie ein Eintrag in einem Buch, das du nie freiwillig aufschlägst. Frauen wissen das, ohne es zu wissen.

Deshalb ist die Frau anders verletzlich. Nicht schwächer, das wäre das falsche Wort. Anders. Was über die zweite Bogenlinie hereinkommt, landet ungefiltert am Herzen. Eine starke Bogenlinie hält das aus, sie sortiert, du stehst unter hundert Menschen und bleibst du. Eine geschwächte macht dich durchlässig an den falschen Stellen. Dann schleppst du das Elend der ganzen Welt mit heim und kannst trotzdem für keinen einzigen Menschen etwas tun. Kennst du diese Tage, du wachst gut auf und mittags liegst du grundlos am Boden? Frag dich mal, wessen Stimmung das eigentlich war. Deine war es womöglich gar nicht.

Abdecken, was empfindlich ist

Im Kundalini Yoga tragen viele Frauen deshalb ein Chuni ein leichtes Tuch, über Schultern und Brust. Ich mache das seit Jahren, meine zweite Bogenlinie ist immer verdeckt. Man deckt ab, was empfindlich ist. Ein Instrument lässt man ja auch nicht offen im Regen stehen.

Bleiben die Abdrücke für immer? Im Kundalini Yoga heißt es, nein. Es gibt Meditationen, die genau dort arbeiten, allen voran die Praxis von Kirtan Kriya über mindestens vierzig Tage. Das ist kein schneller Trost, eher ein gründliches Ausräumen, und es dauert. Frauen, die das durchgezogen haben, erzählen auffallend oft vom selben Moment. Irgendwann in der zweiten Hälfte wird die Brust weit. Als wäre da jemand ausgezogen, der nie Miete gezahlt hat.

Mit deiner Empfindsamkeit ist nichts falsch. Du bist so gebaut. Du kannst sie verwahrlosen lassen oder du pflegst sie wie etwas Kostbares. Ein Bogen über dem Herzen. Achte genau, wen du hier hineinlässt.

Die Bogenlinie ist übrigens nur eines von vielen Frauenthemen im Kundalini Yoga. Wenn dich das anspricht, am 1. und 2. August unterrichte ich online mein Kundalini Yoga Retreat Women of Wisdom THE CAMP. Zwei Tage, in denen wir tiefer gehen. Wir praktizieren Kundalini Yoga, meditieren, tauschen uns aus, unter Frauen. Falls deine Bogenlinie beim Lesen schon leise ja gesagt hat, du weißt, wo du mich findest.

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

© Sarabjot Singh

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