Fast jeder, der mit Kundalini Yoga anfängt, kommt irgendwann an diesen einen Punkt, an dem die ganze Sache plötzlich kippt und nichts mehr so leicht ist wie am Anfang. Und ich sage dir gleich, dass es weder die Kriya noch das Mantra ist, das dir das Genick bricht. Es ist der Wecker um vier Uhr in der Frühe und dein eigener Körper, der dir ganz ruhig erklärt, dass heute nicht der richtige Tag dafür sei. Du sitzt da, willst dein Sadhana machen und nickst mitten im Rezitieren weg. Du bekommst deinen Kopf nicht ruhig, die Konzentration rutscht dir davon, und dann fragst du dich, ob dieser ganze Weg überhaupt für einen Menschen wie dich gedacht ist.
Ich kenne diesen Punkt selbst gut genug, um dir sagen zu können, dass es darauf eine Antwort gibt. Eine, die viel nüchterner ausfällt, als man an einer so wackligen Stelle erwarten würde, und mit der du im Alltag wirklich etwas anfangen kannst.
Es ist eine zutiefst persönliche Angelegenheit
Dein Sadhana ist nicht für die anderen da, sondern eine zutiefst persönliche Sache zwischen dir und dir. Sie ist kein Beweis, den du irgendjemandem schuldest, keine Vorstellung, die du gibst, kein Häkchen auf einer Liste, das später irgendwer abzeichnet. Sie gehört dir ganz allein. Das klingt fast beiläufig, aber ich bin überzeugt, dass genau hier der Kern liegt. Solange du morgens nur aufstehst, weil man es angeblich so tun soll, wirst du am Ende doch liegen bleiben und dich später dafür rechtfertigen. In dem Augenblick aber, in dem dir klar wird, dass niemand außer dir jemals erfährt, ob du es getan hast, fällt der ganze äußere Druck von dir ab. Und mit ihm verschwinden auch all die Ausreden, die sich immer nur an ihm festgehalten haben.
Warum ausgerechnet vier bis sieben
Ich behandle diese frühen Stunden gerne so, als wären sie ein handfestes physikalisches Faktum, und im Grunde sind sie das ja auch. Die Zeit zwischen vier und sieben Uhr nennt man die Zwielichtzone, und sie hat mit dem Stand der Sonne zu tun, sechzig Grad auf der einen Seite, sechzig Grad auf der anderen. In diesem Fenster beginnen beide Nasenlöcher gleichzeitig zu atmen, während dein Biorhythmus an seinem tiefsten Punkt angekommen ist.
Und das ist genau der Grund, warum es dir dann so schwerfällt. Deine Energie liegt am Boden, deine Müdigkeit hat ihren Höhepunkt erreicht, und du kämpfst gar nicht gegen deine eigene Schwäche an, sondern gegen die Tageszeit selbst, gegen etwas viel Größeres als deinen inneren Schweinehund.
Aber genau deshalb ist es diese Zeit und keine andere. Wenn du in diesem schmalen Fenster deinen Prana Haushalt (Lebensenergie) pflegst, dann füllst du etwas auf, das sonst den ganzen Tag leer bliebe. Und wenn du es nicht tust, läufst du, so hart es klingt, den ganzen Tag ohne Kopf durch die Gegend.
Der Trick mit dem Diener
An dieser Stelle kommt das Werkzeug, das bei mir wirklich funktioniert. Dein Verstand ist dir als Diener gegeben worden und nicht als Herrscher, auch wenn er das gerne mal vergisst, und dieser Diener hat morgens einiges zu erzählen.
Beobachte einmal genau, was in deinem Kopf abläuft, sobald der Wecker klingelt. Dann heißt es, der Körper fühle sich verdächtig warm an und du werdest bestimmt gerade krank. Und überhaupt seist du sowieso schon zu spät dran, sodass sich das Ganze heute nicht mehr lohne. Jeder dieser Sätze klingt fast fürsorglich, und trotzdem ist jeder nur eine perfekt gebaute Ausrede. Genau das ist der Diener, der sich in aller Ruhe zum Herrscher im Haus aufschwingen will.
Der Trick dagegen ist einfach, aber ein bisschen zäh. Wenn er dir sagt, du sollst liegen bleiben, dann antwortest du, dass du aufstehst, ohne mit ihm zu verhandeln und ohne dich auf ein Gespräch einzulassen. In dem Moment, in dem du wirklich anfängst, mit dir selbst zu kämpfen, gewinnst du diesen Kampf auch. Nicht der Diener, sondern du.
Es gibt dabei einen sehr konkreten Notausgang, den ich dir ruhig empfehle. Wenn dein Körper dir eine Ausrede liefert, die einfach zu gut und zu wasserdicht ist, dann geh unter die kalte Dusche, sofort und ohne die geringste Diskussion. Dieser kalte Guss beendet die ganze Verhandlung, noch bevor dein Kopf sie richtig eröffnen konnte, und hinterher ist das eingebildete Fieber verschwunden, die Schwere ist weg und du stehst einfach da (natürlich gibt es Ausnahmen!). Ob es die Dusche ist oder etwas anderes, das dir besser liegt, spielt keine Rolle, denn das Prinzip bleibt dasselbe. Du unterbrichst den Diener mit einer Handlung und nicht mit einem Gedanken, gegen den er sofort seinen nächsten Einwand parat hätte.
Der bessere Kick
Einen Punkt möchte ich noch loswerden, weil er so leicht übersehen wird. Jeder Mensch braucht etwas, das ihn hebt, einen kleinen Rausch, einen Kick, irgendetwas, das ihn über den grauen Alltag hinausträgt. Dieser Wunsch ist menschlich, und ich will ihn dir gar nicht ausreden. Genau deshalb greifen so viele Menschen ausgerechnet in den frühen Morgenstunden zum Kaffee oder zur Zigarette, weil ihre Energie am Boden liegt und der Schub irgendwoher kommen muss.
Nur bekommst du diesen Schub auf zwei sehr verschiedene Weisen. Der eine Weg kommt von außen, hält kurz an und lässt dann wieder nach, sodass du bald schon die nächste Tasse und die nächste Zigarette brauchst. Der andere ist der, den du dir in deinem Sadhana selbst aufbaust, und dieser bleibt bei dir, ganz gleich, was der Tag dir sonst noch bringt. Du jagst also demselben Gefühl hinterher, das andere im Koffein suchen, nur holst du es dir aus einer Quelle, die dich am Ende nicht leerer zurücklässt, als du vorher warst.
Und wenn dir das Aufstehen an einem Morgen wieder sinnlos vorkommt, dann erinnere dich daran, dass du hier gegen keinen Mangel ankämpfst, sondern in aller Ruhe etwas in dir auffüllst. Der Sinn zeigt sich dir nicht vorher, während du noch im warmen Bett mit dir ringst. Er zeigt sich erst im Lauf des Tages, an dem Unterschied zwischen dem Menschen, der aufgestanden ist, und dem, der du sonst gewesen wärst.
Das Einfachste zum Schluss
Wenn die ganze Sache kompliziert wird, dann fast immer aus einem einzigen Grund, nämlich weil du versuchst, dich selbst zu überreden. Du wartest darauf, dass irgendwann von ganz allein die Lust kommt, die aber nicht kommt und niemals kommen wird. Also lass sie einfach weg und warte gar nicht erst auf sie. Wenn der Verstand dir sagt, du sollst liegen bleiben, dann sagst du, zum Teufel damit, ich stehe jetzt auf, und dann stehst du auf. Mehr braucht es wirklich nicht.
Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa



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