Vor ein paar Tagen habe ich alle Blogbeiträge gelöscht. Vierzehn Jahre. Alles. Weg. Kein Abschiedspost, kein herzförmiges Goodbye-Reel mit Klaviermusik, kein „Ich mache eine Pause, um mich neu zu erfinden.“ Delete. Confirm. Done. Ich bin eine große Freundin des kurzen, schmerzlosen Abschieds. Verhaftungslosigkeit ist mein zweiter Vorname. Und ja, es hat sich gut angefühlt. So gut wie wenn du endlich eine Schublade leerst, in der seit Jahren nur Batterien liegen, von denen du nicht weißt, ob sie noch funktionieren. Madhavi existiert nicht mehr. Ich habe nur vergessen, es euch zu sagen. Was ich stattdessen bin, weiß ich ganz genau. Und es macht mir große, echte, unironische Freude. Ich habe mich in allen Bereichen so arg verändert, dass ich manchmal selbst kurz stutze. Und dann denke ich: ja, genau. So soll das sein.
Dienstagspläne
Gestern sind ein paar Frauen gestorben. Hier, in der Gurdwara um die Ecke. Seva. Selbstloser Dienst in der Langar Hall, das ist die Gemeinschaftsküche, wo täglich tausende Menschen kostenlos essen. Sie haben Linsen gerührt und Böden gewischt, und dann sind Betonplatten vom Gerüst gefallen, denn nebenbei wurde auch gebaut. Bumms. Vorbei. Die Frauen hatten Dienstagspläne. Kleine, unspektakuläre Dienstagspläne. Vielleicht Linsen rühren, vielleicht Böden wischen, vielleicht abends noch schnell einkaufen. Dann Beton. Fertig. Letztes Jahr ist ein Mann beim Seva im Goldenen Tempel in einen riesigen Topf Dhal gefallen. Heißes Linsengericht. Er hat noch ein paar Tage gelebt. Dann adieu.
Der Tod ist nicht kreativer hier
Hier in Indien stirbt man auf anderen Wegen als in Deutschland, aber die Grundaussage ist dieselbe. Du kannst eine Melone essen, die mit Rattengift bespritzt wurde, das passiert wirklich, du kannst in Hamburg am Rosinenbrötchen ersticken, du kannst zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort einfach nur Gutes tun. Der Tod ist nicht kreativer hier. Er ist nur sichtbarer. Man spricht anders darüber. Man weint lauter, beerdigt schneller, macht weiter. Keine zwei Wochen Schockstarre, kein behutsames Durcharbeiten in der Therapie. Hier ist der Tod Nachbar. Er sitzt mit am Tisch und nimmt sich manchmal einfach, was er will, ohne zu fragen.
Die Wolldecke
Und wir. Hängen. An allem Alten. Wie Motten an einer Wolldecke, die keiner mehr braucht. An Versionen von uns selbst, die wir längst überholt haben. An Identitäten, die wir uns vor zehn Jahren zugelegt haben wie ein schlechtes Tattoo, das wir uns irgendwann nicht mehr erklären wollen. An Geschichten über uns, die wir so oft erzählt haben, dass wir sie für die Wahrheit halten. An Beziehungen, die seit Jahren nur noch aus Gewohnheit existieren. An Jobs, die uns aushöhlen. An dem Bild, das andere von uns haben, obwohl dieses Bild schon lange nicht mehr stimmt, und wir es trotzdem pflegen, täglich, wie eine Topfpflanze, die wir eigentlich nicht mögen. Vierzehn Jahre auf Delete gedrückt, kein einziges Mal gezögert. Nicht, weil es egal war. Sondern weil das, was übrig bleibt, echter ist als jedes Archiv. Und was jetzt kommt, wird noch viel besser.
Das stille Wagnis
Das Wagnis ist nicht der große Umzug. Nicht die Ehe, nicht der Abschied vom alten Leben, nicht der dramatische Schnitt, den alle sehen und bewundern. Das Wagnis ist viel stiller. Es ist, aufzuhören, wer du warst. Die Geschichte loszulassen. Nicht weil sie schlecht war, sondern weil sie vorbei ist. Du existierst auch ohne Beweis. Du brauchst keine vierzehn Jahre gespeichert, um zu wissen, wer du bist. Und wenn du das noch nicht weißt, dann ist das die eigentliche Arbeit. Nicht das Posten. Nicht das Archivieren. Nicht das Pflegen einer Version von dir, die sich längst verabschiedet hat, ohne es dir zu sagen. Frag dich einmal ehrlich: Woran hältst du gerade fest, das schon längst weg sein will? Welche Wolldecke trägst du noch mit dir rum? Die drei Frauen in der Gurdwara hatten Dienstagspläne. Du hast heute noch die Wahl. Mehr Leben. Mehr Freude. Mehr Wagen.
Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa.


1 Comment
Maren Appel
27. Mai 2026 at 14:50Ich danke dir für das Teilen deiner Gedanken!