Die Pause vor dem Rückwurf

12. Juli 2026
jarnail-kaur-khalsa

Eine Freundin rief mich vor ein paar Monaten völlig aufgelöst an. Ihre Schwägerin hatte ihr auf einer Familienfeier vor allen anderen gesagt, sie solle sich mal um ihre Ehe kümmern, statt ständig auf Yoga Retreats zu fahren. Meine Freundin hatte den ganzen Heimweg damit verbracht, sich die perfekte Antwort auszudenken. Die, die sie hätte sagen sollen. Die, die alle zum Schweigen gebracht hätte. Bis sie mich anrief, hatte sie diese Antwort ungefähr zwanzigmal durchgespielt, und in jeder Version gewann sie haushoch. Ich kenne diesen Film. Jeder kennt diesen Film. Du sitzt im Auto oder auf dem Boden im Bad und führst ein Gespräch, das nie stattgefunden hat, mit einer Person, die längst zu Hause ist und wahrscheinlich gar nicht mehr daran denkt.

Der Ball

Jede Absicht, jeder Gedanke, jedes Wort, jede Handlung ist ein Ball, den du wirfst. Er kommt zurück. Manchmal in Sekunden, manchmal Jahre später, wenn du längst vergessen hast, überhaupt geworfen zu haben. Das nennt man Karam. Kein Wort für „das war halt so bestimmt“. Ein Wort für „das habe ich selbst in Bewegung gesetzt, auch wenn ich mich nicht mehr erinnere, wann“. Das Problem ist, wenn jemand mich mit Schärfe anpöbelt und ich mit Tränen oder mit der perfekten zwanzigsten Version einer Antwort zurückwerfe, ist das kein neuer Wurf. Es ist derselbe Ball, nur umverpackt. Niedrige Energie zurück mit niedriger Energie bleibt niedrige Energie, egal wie clever die Formulierung war.

Guru Nanak schrieb, wir bewegen uns im Hukam, in der göttlichen Ordnung, und was geschrieben steht, geht mit uns. Das klingt nach Ergebung. Ist aber das Gegenteil. Hukam ist das Feld. Du selbst bist diejenige, die in dieses Feld hineinpflanzt. Beides gleichzeitig wahr, kein Widerspruch, den du auflösen musst, nur zwei Wahrheiten, die sich die Verantwortung teilen. Eine liegt nicht in deiner eigenen Hand. Die andere schon, und die ist meistens gerade mit einer imaginären Antwort im Kopf beschäftigt.

Die Frau mit dem Nähgeschäft

Ich kenne eine Frau hier in Amritsar, nennen wir sie Satya. Fünfzehn Jahre lang führte sie ein kleines Nähgeschäft zusammen mit einer Partnerin, die sie noch aus der Schule kannte. Irgendwann fand Satya  heraus, dass diese Partnerin über Jahre Geld aus der gemeinsamen Kasse abgezweigt hatte. Keine Kleinigkeit. Ein Betrag, für den man in Amritsar durchaus zur Polizei geht. Satya ging nicht zur Polizei. Sie hat auch keine Nachrichten in der gemeinsamen Familien-Gruppe verschickt und keine Bekannten gegen die Partnerin aufgebracht, was ehrlich gesagt die naheliegendere Reaktion gewesen wäre. Sie hat die Partnerschaft ruhig aufgelöst und einfach weiter genäht. Zwei Jahre später hat sie ein zweites Geschäft eröffnet. Von der ehemaligen Partnerin hörte sie zuletzt, dass ihr eigenes Geschäft inzwischen wieder zugemacht hat.

Satya hat mir mal erzählt, der Moment mit der größten Wut kam nicht, als sie das fehlende Geld entdeckte. Er kam zwei Wochen später, als sie sich ausmalte, wie sie der Partnerin vor der ganzen Sangat die Wahrheit ins Gesicht sagen würde, Satz für Satz, mit Publikum. Genau da hätte sie fast denselben Ball zurückgeworfen. Hat sie aber nicht.

Die Stille, die alles verändert

Vor Sonnenaufgang aufzustehen und zu singen verändert dich nicht sofort. Die Stimme ist noch rau, der Rücken meldet sich, und irgendwo dazwischen fragst du dich, warum du nicht einfach liegen geblieben bist. Aber genau in dieser Stille, bevor der Tag überhaupt losgeht, entscheidet sich, welchen Ball du als Nächstes wirfst. Nicht die Schwägerin entscheidet das. Nicht die Familienfeier.

Meine Freundin hat ihre zwanzigste Antwort übrigens nie gesagt. Sie ist einfach auf ihr nächstes Retreat gefahren, ohne schlechtes Gewissen, ohne das Gefühl, deswegen eine schlechtere Ehefrau zu sein. Von der Schwägerin hat sie seitdem nichts mehr gehört, und das ist auch in Ordnung so.

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

  • Bettina Merz
    13. Juli 2026 at 9:59

    Sat nam
    wie wunderbar es so zu hören! Genau in dieser Stille liegt die Kraft und Veränderung.

    Danke!
    Sat nam

  • Jarnail Kaur Khalsa
    14. Juli 2026 at 8:53

    Genau. Danke fürs Lesen, liebe Bettina!

  • EliAmoreira
    26. Juli 2026 at 18:58

    Liebe Jarnail,

    sooo inspirierende, herzöffnend und ganz klar: wahrhaftige und intelligente Spiritualität!
    So habe ich gleich hinterher dein Podcast “ Der erste Gedanke, entscheidet alles“
    So eine Weise Game changer für mich!
    Dankeeee für deine Arbeit💫🙏🏾

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