Jarnail & das Leben

Die Spalte, die in deinem Kalender fehlt

10. September 2026

ੴ

Dein Kalender ist voll. Um 9 die Besprechung, um 11 der Anruf beim Finanzamt, um 4 das Gespräch, vor dem du dich schon seit Dienstag drückst. Alles eingetragen, alles mit Uhrzeit. Was da nirgends steht, ist, wie du das eigentlich machen willst. Ob du um 4 mit Gelassenheit in das Gespräch reinstolzierst oder mit dem angespannten Kiefer, den du morgens beim Zähneputzen schon gemerkt hast.

Jede Liste der Welt funktioniert gleich. Aufgabe und Uhrzeit, und wenn es erledigt ist, ein Häkchen dahinter, vielleicht auch davor. Der Tag wird in Blöcke geteilt, und wenn abends alle Blöcke hübsch abgehakt sind, gilt er als gelungen. Und dann liegst du um zehn im Bett, alles erledigt, alles pünktlich, und fühlst dich, als hätte dich jemand durch die Waschmaschine geschleudert.

Woran das liegt, ist eigentlich offensichtlich, und trotzdem macht es kaum jemand anders. Du planst, was du tust. Wie du dabei bist, überlässt du dem Zufall, und der Zufall ist selten ein guter Planer. Der Zufall nimmt die Laune vom Frühstück, die Nachricht von gestern Abend, den Stau, rührt das zusammen, und mit diesem Gemisch gehst du dann um 9 in den Raum. Die Leute im Raum bekommen es ab. Du bekommst es ab. Und abends wunderst du dich, warum du so verspannt bist. Du bist ein Mensch. Du bist keine Aufgabe. Aber du lebst, als wärst du eine Liste mit Beinen.

Das Finanzamt fragt vorher nicht

Was draußen passiert, hast du nicht in der Hand. Das Finanzamt hat sich verrechnet, das Gespräch um 4 wird schwierig, jemand schreibt eine Nachricht, die du besser nicht gelesen hättest. Das ist der Tag. Er kommt, wie er kommt und nimmt auf dich keine Rücksicht. Was du in der Hand hast, ist eine einzige Sache, und die ist größer, als sie klingt. Wie du denkst und wie du sprichst, während der Tag so streng daherkommt. Diese Wahl liegt bei niemandem sonst. Kein Chef, kein Finanzamt kann sie für dich übernehmen. Wenn du sie nicht bewusst triffst, trifft sie der Zufall für dich, und der hat, siehe oben, keinen guten Geschmack.

Und von dieser einen Wahl hängt erstaunlich viel ab. Dein Körper zuerst, der Kiefer, der Magen, der Schlaf. Dann die Menschen an deinem Tisch, die mit derselben Stimmung gefüttert werden, ob sie wollen oder nicht. Dann deine Arbeit, weil ein Gespräch, das du mit Gelassenheit und Ruhe führst, einfach einen Unterschied macht. Für alle, auch für deinen knackenden Kiefer. Ein Gedanke morgens, und der ganze Tag steht anders da.

Nur ein Wort

Also eine zweite Spalte. Links das, was zu tun ist. Rechts ein einziges Wort, wie du dabei sein willst. Gelassen. Klar. Selbstbewusst. Freundlich, auch beim vierten Anruf. Geduldig mit dem Menschen, der sich verrechnet hat, weil er sich nicht absichtlich verrechnet hat und weil deine Ungeduld die Rechnung auch nicht richtiger macht. Ein Wort reicht. Für einen ganzen Satz ist die Spalte zu schmal, und für einen ganzen Satz bist du morgens um sieben auch nicht zu haben.

Halte es eine Woche durch, und dann passiert etwas. Die Besprechung um 9 ist dieselbe wie immer, die Leute dieselben, der Inhalt derselbe, aber du sitzt anders drin, weil du vorher entschieden hast, wie du drin sitzt. Das Gespräch um 4 findet statt. Es ist unangenehm, wie erwartet. Es geht trotzdem, weil in der rechten Spalte „ruhig“ stand und du das um halb 4 noch einmal gelesen hast, und weil die Person gegenüber ihre eigene rechte Spalte offensichtlich nicht führt, was dir plötzlich weniger ausmacht. Fast ein bisschen leid tut sie dir.

Morgens zuerst die rechte Spalte lesen

Du stellst deinen Zustand ein wie ein altes Radio, mit dem Rad, langsam, bis das Rauschen weg ist und du dein Wort aus der rechten Spalte klar hörst. Und dann hältst du. Halten ist das schwere Wort. Um 9 bist du noch auf deinem Sender. Um 11 ruft das Finanzamt an, und bei dir rauscht es. Um 12 hängst du bei einem Gedanken von gestern, der mit heute nichts zu tun hat. Dann drehst du eben wieder zurück auf dein Wort. Gelassen. Oder was immer du dir morgens hingeschrieben hast. Du machst das dreißigmal am Tag, das ist die ganze Übung.

Die Frage um zehn im Bett

Die linke Spalte bleibt, wie sie ist. Die Aufgaben werden nicht weniger, das Finanzamt ruft trotzdem an, das Gespräch um 4 verschwindet nicht, weil du daneben „ruhig“ geschrieben hast. Was sich ändert, ist die Frage am Abend. Bisher hast du dich gefragt, was du geschafft hast. Jetzt fragst du dich auch, wie du dabei warst, und diese Frage lässt sich schlechter abhaken. An manchen Abenden sind alle Häkchen gesetzt, und du weißt trotzdem, dass du den ganzen Tag mit dem Kiefer unterwegs warst. An anderen Abenden ist die halbe Liste offen, und du hast dich trotzdem nicht ein einziges Mal verloren. Du weißt ziemlich genau, welcher von beiden der bessere Tag war.

Ich habe eine To do Liste für dich zum Ausdrucken. 

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

 

Ich freue mich über deine Gedanken dazu.

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