Women of Wisdom

Die kleinen Diktatorinnen. Deine Drüsen, deine Laune

14. September 2026
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Im Kundalini Yoga wird viel über das Drüsensystem geplaudert, und ehrlich, die meisten Frauen nicken dabei freundlich und schalten innerlich ab, wenn ich nur ansatzweise davon spreche. Drüsen. Das klingt nach neunter Klasse, nach feuchtem Tafelschwamm und einer Lehrerin, die irgendwas im Biounterricht über die Schilddrüse fragt, während man aus dem Fenster auf den Parkplatz schaut und sich fragt, ob es heute Pommes gibt.

Wer hier eigentlich regiert

Dabei sind diese Dinger das Spannendste, was du mit dir herumträgst. Die Hirnanhangdrüse, ungefähr so groß wie eine Erbse, dirigiert von ganz oben, wie so eine kleine Frau im Turm mit Fernglas. Die Zirbeldrüse, noch kleiner, entscheidet, ob du um zehn ins Bett fällst oder um zwei Uhr nachts mit offenen Augen die Decke anstarrst und über ein Gespräch von 2019 nachdenkst. Die Schilddrüse sitzt wie ein flotter Schmetterling am Hals, und je nachdem, wie der schlägt, kommst du morgens aus dem Bett oder eben wie ein nasser Sack. Die Nebennieren, zwei Mützchen oben auf den Nieren, schütten Stresshormone aus, sobald irgendwo ein Kind schreit oder eine Nachricht mit drei Ausrufezeichen ankommt. Und die Eierstöcke, na ja. Die kennst du. Die machen ihr Programm, jeden Monat, egal ob du gerade Zeit hast. Aber vielleicht hast du Glück und das ist schon vorbei.

Im Kundalini Yoga heißen die Drüsen die Wächter der Gesundheit. Es geht sogar weiter, die Kundalini selbst wird dort als die Energie des Drüsensystems beschrieben, die sich mit den Nerven verbindet und den ganzen Menschen wacher und empfindsamer macht. Das ganze Yoga ist also, wenn man so will, Drüsenpflege mit Mantren. Ich nenne sie lieber die kleinen Diktatorinnen. Winzig und unsichtbar, ohne jede demokratische Legitimation, und sie regieren deine Gefühle trotzdem mit einer Selbstverständlichkeit, die man fast bewundern muss.

Bei Frauen regieren sie lauter. Das steht schon in den alten Handbüchern aus den Achtzigern, das Drüsensystem einer Frau sei empfindlicher, ihre Hormonspiegel wechselten schneller als bei einem Mann. Man wusste das 1989. Man wusste das vermutlich schon vor 1.000 Jahren. Nur in der neunten Klasse, im Biounterricht, da haben wir das sicherlich überhört.

Faul war keine

Wenn deine Nebennieren wochenlang Cortisol pumpen, weil du gleichzeitig Mutter, Kollegin, Tochter, Nachbarin und Notfallzentrale für alle bist, dann ist deine Gereiztheit die logische Folge davon und sonst gar nichts. Adrenalin und Cortisol sind dafür gebaut, dass du vor einem Tiger wegrennst, kurz, heftig, und dann ist Ruhe und man setzt sich ans Feuer. Was sie überhaupt nicht vertragen, sind 14 Monate vor einem Tiger, der aussieht wie dein Postfach. Irgendwann stimmt der Takt nicht mehr, zu viel Cortisol, zur falschen Zeit, nachts statt morgens, und was dann übrig bleibt, nennt die Nachbarin dünnhäutig und die Frauenärztin erschöpft, und ein Mann würde sagen Burnout.

Und die Schilddrüse, ach, die Schilddrüse. So viele Frauen haben sich jahrelang faul genannt, ohne Biss, und dann kam ein Blutwert, und plötzlich hatte das Ganze einen Namen mit lateinischer Endung. Faul war davon keine einzige. Manche haben einfach einen Schmetterling am Hals, der langsam schlägt. Andersherum gibt es das auch, der Schmetterling rast, die Frau brennt durch und schläft nicht mehr, und alle sagen ihr, wie toll sie gerade aussieht.

Dazu die Eierstöcke mit ihrem Monatsprogramm. Östrogen hoch, du fühlst dich wie eine Göttin auf einem galoppierenden Pferd. Dann übernimmt plötzlich das Progesteron, und du willst dich unter einer Decke verkriechen, und alle sollen leise sein, auch die Vögel. Mit den Wechseljahren kommt dann noch die große Renovierung dazu, bei der alle Handwerkerinnen gleichzeitig im Haus stehen und keine weiß, wer den Bauplan hat, und die eine bohrt einfach schon mal.

Drüsenpflege mit Mantren

Kundalini Yoga ist von allen Yogaformen die, die am direktesten an die Drüsen geht. Man spricht in der Lehre von einer Wissenschaft der Winkel. Beine zehn Grad vom Boden hoch, das spricht die Geschlechtsdrüsen an. Dreißig Grad, Nieren und Nabel. Sechzig Grad, Herz und Lunge. Neunzig Grad, der Kopf, Zirbeldrüse, Hirnanhangdrüse, die kleine Frau im Turm. Wer das einmal gehört hat, hält die Beine anders in der Luft, weil man plötzlich weiß, mit wem man da gerade kommuniziert.

Für die Schilddrüse gibt es im Kundalini Yoga Übungen, die so schlicht sind, dass man sie fast übersieht. Aufrecht sitzen. Einatmen, den Kopf sanft nach hinten. Ausatmen, das Kinn zur Brust. Zwei, drei Minuten lang, mehr braucht der Schmetterling erst mal nicht, sagt die Lehre. Der Schulterstand macht dasselbe gründlicher, er drückt die Kehle zusammen und lässt sie wieder los, wie einen Schwamm, den man auswringt und in frisches Wasser legt. Der Feueratem, dieses schnelle Pumpen durch die Nase, das anfangs alle für Hyperventilieren halten, soll die Nebennieren dazu bringen, ihren Rhythmus zu wechseln, weg vom Dauerfeuer. Manche nennen das Regulierung. Schöner finde ich, die Nebennieren dürfen sich endlich mal hinsetzen.

Das Schöne daran, und das ist mir wichtig, weil über Kundalini Yoga so viel Unsinn erzählt wird, mit Lichtkörpern und Aktivierungen, ist, wie mechanisch das Ganze im Grunde funktioniert. Du drückst, du atmest, du singst, du liegst still. Die Drüsen reagieren, weil Drüsen auf Druck, Atem, Klang und Ruhe reagieren. Das haben sie schon getan, bevor irgendjemand das Wort Kundalini erfunden hat.

Und dann steht da diese Tasse am falschen Platz

Es gibt diese Tage, an denen eine Tasse falsch steht. Sie steht da, wo sie immer steht, und trotzdem ist sie an diesem Morgen eine Frechheit, und dein Mann kriegt einen Satz ab, und der Hund guckt lieber gar nicht erst hoch. Um zwölf fällt dir dann ein, dass Zyklustag zwanzig ist, und dass da seit dem Aufwachen jemand anderes die Regie führt.

Meditiert hast du an dem Tag natürlich nicht, weil du viel zu beschäftigt damit warst, gereizt zu sein, und weil du um halb sieben noch dachtest, das Problem sei die Tasse. Genau dann, wenn die Diktatorinnen am lautesten sind, hast du am wenigsten Lust, dich hinzusetzen und ihnen zuzuhören, das geht allen so. Am Abend machst du es dann doch. Ein paar Minuten Kundalini Yoga Praxis. Danach ist die Tasse wieder eine Tasse, und der Hund traut sich wieder ins Zimmer.

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

Ich freue mich über deine Gedanken dazu.

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    YOGA, SIKHI UND DAS LEBEN · AUS AMRITSAR, INDIEN

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