Jarnail & das Leben

Jarnail & das Leben · heute über Tilly Norwood

15. September 2026
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Es gibt großen Aufruhr, seit Wochen schon. Warum? Wegen Tilly. Einer Frau, die es eigentlich gar nicht gibt. Ich habe heute Morgen die Sorge gelesen, Teenager könnten sich mit ihr identifizieren. Wenig später gab es dann ein paar Instagram-Beiträge dazu, ihr wisst, Algorithmus und so. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus und finde gerade alles super spannend.

Liebe Leute. Lasst doch mal die Kirche im Dorf. Teenager identifizieren sich seit fünfzehn Jahren mit Frauen, die es gar nicht gibt. Die heißen halt Kim oder Kylie. Jedes Gesicht, das ein Mädchen von vierzehn heute auf dem Handy sieht, ist durch ein Dutzend Filter gelaufen, bevor es überhaupt jemand posten durfte. Die Haut sieht aus wie Kerzenwachs. Die Nase hat jemand aus einem Katalog bestellt. Und die Augen, ich weiß nicht, was mit den Augen passiert ist, aber so groß sind Augen nicht, jedenfalls keine, die ich kenne. Wenn so ein Mädchen jetzt Tilly anschaut und denkt, ach, so darf ich also aussehen, mit normaler Haut und einem Busen, der in ein Hemd passt, dann ja bitte, gern. Ich bin so froh, in einer Zeit groß geworden zu sein, in der das gefährlichste Schönheitsideal ein Bravo-Poster war.

Tilly hat Poren

Für alle, die den Aufruhr verpasst haben. Tilly Norwood ist die erste KI-Schauspielerin der Welt. Gebaut von einer Frau, das finde ich wichtig zu erwähnen, der Niederländerin Eline van der Velden, im Sommer 2025 in London. Ich habe ein Interview mit ihr gehört. Sie war 2012 Komikerin in Los Angeles und ging zu Castings, und bei jedem zweiten hieß es, sie solle abnehmen. Also hat sie eine Kunstfigur erfunden, Miss Holland, eine Karikatur auf genau diese Schönheitsideale, und ist damit ins Fernsehen gekommen. Diese Frau hat Tilly gebaut. Sie sagt, es sei wie beim Schreiben, man verliebt sich in seine Figuren, und es habe lange gedauert. Ich mochte sie sofort. Im September hat sie Tilly in Zürich vorgestellt und nebenbei erwähnt, dass Agenturen anklopfen. Daraufhin bekam Hollywood einen Schreikrampf. Emily Blunt fand es gruselig, das hat sie in einem Podcast gesagt. Die Gewerkschaft hat ein Statement geschrieben. Ich habe mir Tilly daraufhin in Ruhe angeschaut und ich muss euch sagen, ich war entzückt.

Denn Tilly hat Poren. Wann habt ihr zuletzt welche gesehen? Poren. Sie hat eine leichte Rötung auf der Nase, ein Kinn, das niemand gespritzt, und einen Busen, den niemand nachgefüllt hat. Die Haare sitzen manchmal nicht perfekt. Sie sieht aus wie das Mädchen, das in der Bahn neben euch sitzt und ein Käsebrötchen futtert und dabei aufs Handy glotzt. Und genau das, glaube ich, ist der eigentliche Skandal. Viel mehr als die Frage, ob da ein Mensch drinsteckt.

Rippen raus, Rendering rein

Jahrelang haben Frauen jede Falte weggebügelt. Wimpern angeklebt. Lippen aufgepumpt, bis sie aussahen wie Schwimmreifen. Silikon in die Brust geschoben und seit ein paar Jahren auch in den Hintern, Gott, muss das wehtun. Rippen raus, damit die Taille flott wird. Knochen, die man zum Atmen braucht, werden entfernt, damit man auf Fotos schmaler wirkt. Dazu Stirnen, die sich seit Jahren nicht mehr bewegt haben, auch nicht, wenn die Frau dahinter sich anstrengt. Alles mit dem einen Ziel, so glatt auszusehen wie ein Rendering. Und dann kommt das Rendering und sieht aus wie ein Mensch.

Die Maschine sieht aus wie ein Mensch

Tilly ist keinem echten Menschen nachgebaut, sagt van der Velden. Sie ist aus tausenden Durchläufen entstanden, mit Programmen, die alles gefressen haben, was je ins Internet hochgeladen wurde, auch die eigenen Filme der Schöpferin, die selbst Schauspielerin ist. Tilly wird nur in Filmen auftreten, in denen sonst keine echten Schauspieler mitspielen. Ihr erster Kinofilm heißt Misaligned, im Juli angekündigt, und er handelt von einer KI ohne Kindheit, die dafür Zugriff auf die Kindheiten aller anderen hat.

Eine Maschine kann nur zeigen, was sie gesehen hat. Und sie hat Millionen Gesichter gesehen. Alte, müde, ungeschminkte, verschwitzte, Gesichter aus Familienalben, Gesichter von Passbildern, auf denen jeder aussieht wie gesucht. Aus all dem hat sie eine Frau gebaut, die aussieht wie eine Frau. Tilly ist ein Durchschnitt aus uns. So sahen wir aus, bevor wir angefangen haben, uns zu bearbeiten. Die KI hält uns ein Foto von früher hin, und wir erschrecken, weil wir uns in der Zwischenzeit selbst umgebaut haben. Zu Robotern. Mit Klimperwimpern.

Ich glaube, das wird unsere Zukunft. Auf den Bildschirmen Wesen, die aussehen wie Menschen, und davor Menschen, die aussehen, als kämen sie aus dem Drucker. Und die Aufgabe für die nächsten Jahre, ich meine das ohne Räucherstäbchen, ihr kennt mich, liegt darin, wieder zu dem Gesicht zurückzufinden, das morgens im Spiegel steht. Mit allem, was drin ist. Mit Falten und einer Stirn, die sich noch bewegt. Tilly hat das schon. Jetzt sind wir dran.

Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa

Ich freue mich über deine Gedanken dazu.

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