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Mir ging es noch nie so gut wie jetzt, und dabei habe ich die große Fünf schon überschritten. Ich schreibe das ohne Augenzwinkern, mein Körper fühlt sich wahnsinnig gut an, und ich tue auch viel für ihn. Viel Bewegung, viel Yoga, seit Jahrzehnten jeden Morgen, und für die Seele Meditation, die kommt bei mir vor dem Frühstück. Von den berühmten Beschwerden merke ich bisher nichts. Kein Nachtschweiß, kein Nebel im Kopf, und noch habe ich niemanden angeschrien, weil die Handtücher nicht richtig gefaltet im Schrank liegen. Kann noch kommen, ich weiß, meine Freundinnen sagen das auch. Aber gerade sitze ich hier und warte auf ein Gewitter, das alle angekündigt haben, und draußen scheint einfach die Sonne.
Was mich dabei wirklich beschäftigt, ist das Drumherum. Seit ein paar Jahren ist über die Wechseljahre ein Lärm ausgebrochen, als wäre der Weltuntergang angekündigt. Bücher, Podcasts, Symptomlisten mit vierunddreißig Punkten, Apps, die dir sagen, wie schlecht es dir gerade geht, und jede Frau über 45 wird angeschaut, als müsste man sie gleich stützen. Mich langweilt das, ich gebe es ungern zu, denn ich habe das Gefühl, Frauen dann nicht zu unterstützen. Es ärgert mich einfach, weil wir uns damit wieder als Opfer zeigen, als Frauen, denen etwas zustößt. Dabei stößt uns gar nichts zu. Der Körper baut sich um, mehr passiert da erst mal nicht, und wer weiß, was da vorgeht, kann in die eigene Kraft kommen. Die Angst kann man sich sparen, die hat noch keiner Hitzewallung geholfen. Also. Was sagt Kundalini Yoga dazu.
Der Körper baut um
Im Kundalini Yoga wird nicht in Mangel gedacht, und das ist der erste Unterschied zu dem, was du beim Arzt hörst. Dort heißt es, das Östrogen sinkt, die Eierstöcke stellen die Arbeit ein, und alles klingt nach Ausfall, nach einem Gerät, das man bald abholen muss. Die Lehre sieht es andersherum. Die Kraft, die vierzig Jahre lang jeden Monat in Eizelle und Schleimhaut geflossen ist, wird frei. Sie geht nirgendwohin, sie wechselt nur die Abteilung, so wie eine Kollegin, die man plötzlich in einem anderen Stockwerk trifft.
Es gibt dazu einen alten Gedanken aus den Frauenlehren, ich gebe ihn in meinen Worten wieder, weil das Original sehr staubig klingt. Um die Lebensmitte verschiebt sich die Polarität einer Frau. Was vorher nach außen ging, in Kinder, in Beziehung, in Arbeit, in das Versorgen von allem und jedem, dreht sich nach innen. Die Frau wird direkter, und mit Unsinn hat sie deutlich weniger am Hut, das merkt dann auch der Rest der Familie. Die Lehre sagt das ohne jedes Bedauern. Sie sagt nur, wer das nicht steuert, wird davon gesteuert, deshalb Meditation, deshalb das Sadhana. Und ein Satz aus den Frauenlehren, den ich seit Jahren mit mir herumtrage, eine Frau soll jeden Tag einmal schwitzen und einmal lachen. Dazu weniger essen, als sie glaubt zu brauchen. Klingt nach Großmutter, ist aber ziemlich genau das, was auch die Ärztinnen inzwischen sagen. Ich finde den Gedanken großartig. Wir werden endlich frei, und ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten.
Eine Drüse übernimmt den Laden
Wer mich kennt, weiß, dass für mich fast alles bei den Drüsen anfängt. Ich habe vor Kurzem einen ganzen Artikel darüber geschrieben, hier kannst du ihn lesen. In den Wechseljahren stimmt das besonders. Die Eierstöcke gehen in Rente, und die Hirnanhangdrüse, die kleine Frau im Turm zwischen den Augenbrauen, die sowieso das ganze Hormonsystem dirigiert, ruft weiter nach unten, lauter sogar als vorher, und bekommt keine Antwort mehr. Genau dieses Rufen ins Leere ist es, was der Körper in diesen Jahren als Unruhe spürt. Im Kundalini Yoga liegt der Schwerpunkt der Praxis in dieser Zeit deshalb genau da, am Brauenpunkt, wo die kleine Frau ihr Fernglas hat.
Konkret, viel Meditation mit den Augen nach innen und oben gerichtet oder auf die Nasenspitze. Es gibt eine Meditation, bei der du elf Minuten lang einfach nur auf die Nasenspitze schaust, morgens, in der Stunde nach Sonnenaufgang. Mehr nicht. Man schielt ein bisschen, es sieht albern aus, und nach vier Minuten fragt man sich, was das soll. Damit, sagt die Lehre, steuerst du das ganze Drüsensystem. Ob das wörtlich so stimmt, kann ich nicht beweisen. Ich weiß nur, dass meine Praxis seit Jahren dort hinzielt, und dass ich hier sitze und nichts merke.
Es gibt sogar eine eigene Kriya mit dem etwas sperrigen Titel „Emotional and Mental Balance and Prevention of Early Menopause“. Ich habe sie für dich übersetzt, du kannst sie dir hier gratis als PDF downloaden.
Das Feuer kühlen
Falls die Hitze kommt, und bei vielen kommt sie, Heidi Klum spricht gerade sehr viel darüber, ist sie im Kundalini Yoga eine Frage des Atems. Die Übung heißt Sitali. Zunge rausstrecken, zu einer Rinne rollen, durch die Rinne einatmen, als würdest du kalte Luft durch einen Strohhalm trinken, Mund zu, durch die Nase aus. Drei Minuten, oder bis die Welle durch ist. Wer die Zunge nicht rollen kann, spitzt die Lippen, funktioniert genauso. Die Luft, die über die feuchte Zunge kommt, ist tatsächlich kühler, glaub mir, nur damit habe ich hier in Amritsar den Sommer überlebt.
Dazu der Atem durch das linke Nasenloch, rechtes Nasenloch mit dem Daumen zu, links lang und tief. Die linke Seite gilt im Kundalini Yoga als Mondseite, kühl und ruhig. Das ist die Übung für nachts, wenn es doch mal drei Uhr wird und die Decke plötzlich sehr interessant aussieht. Denn der Schlaf ist das, worüber Frauen in dieser Zeit am meisten klagen, mehr noch als über die Hitze. Man schläft ein wie immer und wacht um drei auf, hellwach, mit einem Kopf voller Dinge, die um drei niemand lösen kann. Im Kundalini Yoga gilt dafür eine einfache Regel, das rechte Nasenloch weckt, das linke schläfert ein. Also links atmen, langsam, und zählen, wenn es hilft. Dazu abends kein Feueratem und nichts, was den Nabel anheizt, sonst liegst du da wie nach zwei Espresso. Und ein warmes Glas Milch mit Muskat, das ist keine Yogalehre, das ist Punjab, aber es wirkt.
Die Praxis wird anders, und sie wird mehr
Viele Frauen glauben, in dieser Zeit müsse man kürzertreten, und dann treten sie kürzer und wundern sich, dass es schlechter wird. Bewegung ist jetzt das Wichtigste überhaupt. Die Knochen brauchen sie, das Herz braucht sie, der Kopf sowieso. Also jeden Tag schwitzen, das ist keine Empfehlung, das ist die Regel. Eine kräftige Kriya am Morgen, ein langer Spaziergang, Treppen statt Aufzug, Tanzen in der Küche, egal was, Hauptsache der Körper kommt in Gang.
Was sich ändert, ist die Verteilung. Das Schwitzen wandert in die Kriya und in die Bewegung, und die Meditation wird länger und tiefer. Feueratem am Abend macht die Hitze schlimmer, also gehört er in den Morgen. Nach einer harten Kriya braucht der Körper mehr Entspannung als früher, also gibst du sie ihm, statt gleich zum Handy zu greifen. Die Lehre sagt dazu, hör hin. Die Praxis bleibt kräftig, sie bekommt nur ein zweites Standbein, und das ist die Stille danach.
Was ich dazu ehrlich sagen muss
Kundalini Yoga ersetzt keine Frauenärztin. Wenn deine Blutungen ausufern oder die Stimmung seit Monaten unten bleibt, dann geh hin und lass dir helfen, auch mit Hormonen, wenn es das braucht. Ich rede hier gegen das Drama. Gegen die Frauen, denen es wirklich schlecht geht, rede ich keine Sekunde, das ist ein Unterschied.
Und noch etwas, was mit Yoga nichts zu tun hat und trotzdem hierhergehört. Lass einmal im Jahr dein Blut anschauen. Vitamin D, das ist bei fast allen Frauen zu niedrig, auch hier in Indien, wo die Sonne jeden Tag scheint und trotzdem keine rausgeht. Cholesterin, weil das Östrogen bisher die Gefäße geschützt hat und jetzt damit aufhört. Schilddrüse, Eisen, Vitamin B12. Das ist eine halbe Stunde und ein Piks, und danach weißt du, ob deine Müdigkeit von den Wechseljahren kommt oder von einem Wert, den man in drei Wochen auffüllen kann. Ich habe zu viele Frauen gesehen, die zwei Jahre lang die Hormone beschuldigt haben, und am Ende war es das Eisen.
Was die Forschung sagt, passt zu dem, was ich sehe. In Indien wurden 120 Frauen zwischen 40 und 55 auf Yoga oder einfache Dehnübungen verteilt, acht Wochen, fünf Tage die Woche. Die Yogagruppe hatte hinterher weniger Hitzewallungen und einen klareren Kopf. Hat mich wenig überrascht. Magie war es auch keine, die haben einfach acht Wochen lang tiefer geatmet.
Wer bin ich, wenn der Körper nicht mehr für andere arbeitet
Die Grundlage aller Frauenlehren im Kundalini Yoga ist eine Meditation, die Grace of God heißt. Du kannst sie dir hier gratis als PDF downloaden.
Ich glaube, dass diese Meditation für die Wechseljahre gebaut ist, auch wenn niemand sie so kommuniziert. Denn die eigentliche Frage in dieser Zeit hat mit Hitzewallungen wenig zu tun. Die Frage ist, wer ich bin, wenn der Körper endlich nur mir allein gehört. Ich habe darauf noch keine fertige Antwort, aber sie wird sicher kommen.
Sat Nam, Jarnail Kaur Khalsa
Ich freue mich über deine Gedanken dazu.
CHARDI KALA STUDIO
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6 Comments
Tanja
27. September 2026 at 8:35Danke für Deine Gedanken. Ich praktiziere und unterrichte Kundalini Yoga seit 22 Jahren UND bin früh und heftig in die Wechseljahre gekommen. Das ist 10 Jahre her. Damals sprach noch niemand darüber, die Frauenärzte haben keine Ahnung, weil es imStudium nicht vorkommt. Ich bin sehr froh über alle Podcast, Bücher und Frauen die sich gegenseitig in ihrem Drama wahrnehmen und unterstützen und dem Thema Aufmerksamkeit schaffen. Ich freue mich für dich, dass diese Jahre symptomlos verlaufen, wirklich. Bei meiner Mutter übrigens auch … ganz ohne Yoga. Was mich langweilt ist der Glaube, wir müssen einfach noch ein bisschen mehr tun, mehr praktizieren oder im schlimmsten Fall stillschweigend aushalten und brav weiterhin niemand mit unserem Drama beschäftigen. ja es ist auch dramatisch! Und ganz ehrlich, ein bisschen Drama ist total heilsam. Immer mal wieder höre ich Sätze wie Deine im Yoga und empfinde sie wie ein Schlag ins Gesicht. Auch im Yoga wünsche ich mir manchmal weniger Hochmut und mehr Demut. Manchmal passiert das Leben einfach trotz der wunderbaren Praxis..
Sabine
27. September 2026 at 18:14Ich habe Kundalini Yoga kennengelernt als ich schon einige Jahre in der Spirale der wechseljahresbeschwerden war. Hittewallungen , Schlafmangel, Herzklopfen und Kraftverkehr. Dann habe ich die Ausbildung zur Kundalini Yogastufe 1 gemacht, jeden Morgen 1,5 h Praxis … und was soll ich dir sagen , nach ein paar Wochen waren die Wechseljahresbeschwerden weg. Einfach weg , seit dem praktiziere ich jeden Morgen , nicht mehr so eine lange Zeit , eine halbe Stunde , es genügt um sehr gut durch meinen Tag zu kommen und sehr viel gelassener zu sein.
Deine Beschreibung mit der Drüse zwischen den Augenbrauen , die nach unten ins Leere kuckt ist witzig und genial … !
Sabine
27. September 2026 at 18:18Ich meinte natürlich Kraftverlust…
… und ich war 54 Jahre als ich mit dem Kundalini Yoga ( vorher kein Yoga oder Sport gemacht ) anfing , dass wollte ich nur für jene mitteilen, die denken sie wären zu alt um etwas Neues auszuprobieren . Ich fühle mich auf jeden Fall fit … viel mehr als davor .
Jarnail Kaur Khalsa
28. September 2026 at 9:34Das freut mich !!!
Jarnail Kaur Khalsa
28. September 2026 at 9:38Liebe Tanja, danke, dass du das so offen schreibst. Zehn Jahre, und keiner wusste Bescheid, das ist genau das, was nicht sein dürfte. Gegen Frauen wie dich rede ich keine Sekunde, das steht auch so im Artikel. Ich rede gegen das Drama, das inzwischen um die Wechseljahre gemacht wird. Dass es bei dir trotzdem wie ein Schlag angekommen ist, tut mir leid, und ich nehme das mit. Alles Liebe für dich, Jarnail Kaur Khalsa
Sonja
3. Oktober 2026 at 13:27Danke.
Nimmt mir sehr die Angst vor dem Drama.
Und der schlechten, mangelhaften Aufklärung.
Mein FA hat mir die Pille aufgenötigt: ich war verzweifelt, weil seit Wochen Schlaflos.
Kurz: nach 6 Wochen war ich psychisch am Ende, Nebenwirkungen volles Brett.
Heute: Yogapraxis, gutes grünes Essen (kein Weizen/Zucker/Tier) ganz viel Wasser trinken und Meditation.
Thats the way!